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Vom schwäbischen Familienunternehmen zum globalen Synonym für Präzision

Von Katja Dümpert - DIAMOND BUSINESS
16. September 2026

Es gibt Unternehmen, die man vorstellen muss – und es gibt Unternehmen, deren Name längst für sich selbst steht. Die Paul Horn GmbH aus Tübingen gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Was einst als Spezialist für die Bearbeitung zwischen zwei Flanken begann, ist heute eine weltweit anerkannte Größe der Zerspanungstechnik. In mehr als 70 Ländern auf allen Kontinenten vertrauen Unternehmen aus der Automobilindustrie, der Chemiebranche, der Luft- und Raumfahrt, der Medizintechnik sowie dem Werkzeug- und Formenbau auf die Präzisionswerkzeuge aus dem Hause Horn.

Mit Innovationskraft, höchster Fertigungstiefe und einem kompromisslosen Qualitätsanspruch hat sich Horn über Jahrzehnte hinweg eine herausragende Marktposition erarbeitet. Doch was sind die Erfolgsfaktoren hinter dieser außergewöhnlichen Entwicklung? Welche Herausforderungen und Chancen prägen die Zukunft eines Unternehmens, das weltweit als Synonym für Präzision gilt?

Im Gespräch mit Markus Horn, Geschäftsführer der Paul Horn GmbH, und Matthias Rommel, Geschäftsführer für Technik und Produktion, beleuchtet DIAMOND BUSINESS die Erfolgsfaktoren eines Unternehmens, das die industrielle Entwicklung seit Jahrzehnten maßgeblich mitgestaltet. Im Fokus stehen technologische Innovationen, internationale Marktanforderungen und die Perspektiven eines Familienunternehmens im globalen Wettbewerb.

DIAMOND BUSINESS: Jedes große Unternehmen hat einmal klein angefangen. Welche Idee stand am Anfang der Erfolgsgeschichte von Horn, und wie wurde daraus ein weltweit führender Hersteller von Präzisionswerkzeugen?

Markus Horn: Mein Großvater, Paul Horn, war ein pragmatischer Unternehmer. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, gesundheitlich gezeichnet, begann er als Angestellter im Vertrieb und spezialisierte sich auf Hartmetallwerkzeuge. Er war in diesem Bereich sehr erfolgreich, musste jedoch wiederholt erfahren, dass sein aufgebautes Vertriebsgebiet im Laufe der Zeit immer wieder eingeschränkt wurde. Daraus entstand schließlich die Überzeugung, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und eigene Lösungen zu entwickeln. Der erste große Durchbruch gelang im Bereich der Kolbenbearbeitung. Mein Großvater überführte die interne Fertigung eines Kunden für ein hochpräzises Produkt in einen industriellen Fertigungsprozess und produzierte dieses fortan als Lohnfertiger. Durch seine langjährige Tätigkeit im Vertrieb war er stets nah am Markt und vor allem nah am Kunden. Er kannte die Anforderungen der Anwender genau und erkannte früh, welche Lösungen künftig gefragt sein würden. Diese Kundennähe und das Gespür für technologische Entwicklungen prägen das Unternehmen bis heute. Wer die Bedürfnisse des Marktes versteht, kann Innovationen gezielt vorantreiben – und genau darin lag von Anfang an eine der großen Stärken von Horn.

 

Markus Horn

Geschäftsführer

der Hartmetall-Werkzeugfabrik Paul Horn GmbH

Markus Horn – Zwischen Tradition, Verantwortung und Zukunft

Markus Horn

Manche Wege scheinen vorgezeichnet. „Mein Opa hat schon immer zu mir gesagt: Das wird einmal dein Unternehmen sein“, erinnert sich Markus Horn. Für seinen Großvater Paul Horn und später auch für seinen Vater Lothar Horn schien die Zukunft früh klar. Für Markus Horn selbst war dieser Weg jedoch keineswegs selbstverständlich.

Deshalb war es ihm wichtig, eigene Erfahrungen zu sammeln und seinen eigenen Weg zu gehen. Nach der Ausbildung zum Bürokaufmann studierte er Wirtschaftsinformatik und arbeitete zunächst außerhalb des Familienunternehmens. Keine Umwege, sondern eine bewusste Entscheidung. Rückblickend ist diese Zeit die lehrreichste seines Lebens gewesen.

Heute lenkt der 44-Jährige die Geschäfte der HORN-Gruppe in dritter Generation. Für ihn ist das weit mehr als eine reine Aufgabe – es ist Verpflichtung, Vertrauen und Herzensangelegenheit zugleich.

Wer mit Markus Horn spricht, spürt schnell die große Wertschätzung für seinen vor wenigen Jahren verstorbenen Vater. Vieles von dem, was ihn als Unternehmer prägt, geht auf dessen Vorbild zurück. Ein wichtiger Ratgeber ist heute Matthias Rommel. Markus Horn schätzt dessen Erfahrung, seine ausgewogene Art und die Fähigkeit, Entscheidungen faktenbasiert und mit Weitblick zu treffen.

Markus Horn denkt lieber in Generationen als in Quartalen. Seine Aufgabe sieht er deshalb darin, die nächste Entwicklungsstufe des Unternehmens voranzubringen. Wie sein Großvater und sein Vater versteht er sich als Visionär – allerdings mit einem klaren Fokus auf die digitale Welt. Neue Technologien, Daten, Automatisierung und die Chancen der vernetzten Industrie stehen dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Menschen, die den Erfolg des Unternehmens erst möglich machen.

Privat schlägt sein Herz auch für den Motorsport. Seine Augen leuchten, wenn er über die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft spricht. „Für mich ist der zweite Platz schon der erste Verlierer“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Vielleicht ist es genau dieser Ehrgeiz, der ihn davon abhält, selbst noch ins Cockpit zu steigen.

Seine wertvollste Zeit verbringt er ohnehin mit seiner Tochter. Die Sonntage gehören der Familie. Dankbar ist er vor allem für seine Frau, die ihm den Rücken freihält, und dafür, dass es seiner Familie gut geht. Denn Familie ist für Markus Horn kein Gegenpol zum Unternehmen – sie ist dessen Fundament.

So führt er heute fort, was sein Großvater vor Jahrzehnten begonnen hat: Nicht als Verwalter eines Erbes, sondern als Gestalter der nächsten Generation.

Herr Horn, Märkte und Technologien verändern sich rasant. Bleibt die Kundennähe dennoch das wirksamste Rezept für langfristigen Unternehmenserfolg?

Markus Horn: Absolut. Die Nähe zum Kunden ist für uns nach wie vor ein zentraler Erfolgsfaktor. Deshalb setzen wir auch heute noch konsequent auf den Direktvertrieb. Der Fokus unseres Außendienstes liegt dabei nicht primär auf dem Verkauf, sondern auf der technischen Beratung. Unsere Mitarbeiter unterstützen Kunden dabei, anspruchsvolle Fertigungsaufgaben zu lösen, Prozesse zu optimieren und wirtschaftlichere Produktionsabläufe zu realisieren.

Matthias Rommel:  Etwa die Hälfte unserer Lösungen sind kundenspezifische Sonderwerkzeuge. Solche Projekte entstehen nicht im Alleingang, sondern in enger Zusammenarbeit zwischen dem Anwender, unseren Spezialisten und häufig auch dem Maschinenhersteller. Dieser intensive Austausch von Know-how und Erfahrungen eröffnet neue Perspektiven und ermöglicht Lösungen, die bestehende Grenzen in der Fertigung verschieben können. Innovationen entstehen dabei selten am Schreibtisch. Sie entwickeln sich im direkten Dialog, durch gemeinsames Testen, Optimieren und Weiterentwickeln. Gerade bei hochkomplexen Anwendungen bleibt der persönliche Austausch vor Ort deshalb durch nichts zu ersetzen.

Entstehen aus dieser engen Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern auch neue Produkte und Innovationen, die später ihren Weg in das Standardportfolio finden?

Matthias Rommel: Zumindest entsteht dabei stets ein Erkenntnisgewinn, der für uns sehr wertvoll ist. Auch wenn nicht jede kundenspezifische Lösung direkt in ein Serienprodukt überführt wird, fließen die gewonnenen Erfahrungen und technischen Einsichten häufig in die Weiterentwicklung unserer Standardprodukte ein.

Sie präsentieren Horn sowohl auf großen internationalen Leitmessen wie der AMB als auch im Rahmen Ihrer eigenen Technologietage am Standort Tübingen. Welche Bedeutung haben diese beiden Plattformen jeweils für Ihr Unternehmen? Würden Sie eine der beiden Formate als für Sie entscheidender bezeichnen?

Matthias Rommel: Beide Formate haben für uns klar unterschiedliche Schwerpunkte und erfüllen jeweils eine eigene Funktion. Auf der AMB fokussieren wir uns auf Bestandskundenpflege, Markenpräsenz und die Ansprache neuer Kunden. Auf unserem Messestand zeigen wir dort unser gesamtes Leistungsspektrum und machen deutlich, in welchen Anwendungsfeldern unsere Produkte heute eingesetzt werden. Dabei geht es auch darum, uns als umfassender Lösungsanbieter im Bereich der Zerspanung zu positionieren – denn nicht jeder Kunde hat unser Portfolio bereits vollständig im Blick. Die Technologietage in Tübingen richten sich dagegen in erster Linie an unsere Bestandskunden. Hier steht die Wissensvermittlung im Vordergrund. In Seminaren und Praxisvorführungen zeigen wir sehr konkret, wie unsere Werkzeuge entstehen, welche technischen Anforderungen dahinterstehen und welcher Aufwand in der Entwicklung von Sonderlösungen steckt. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die Prozesse zu schaffen und die Komplexität moderner Werkzeuglösungen greifbar zu machen.

 

Matthias Rommel

Geschäftführer

der Hartmetall-Werkzeugfabrik Paul Horn GmbH

Leidenschaft für Präzision und Veränderung

Matthias Rommel

 

Jahrgang 1969, ist seit Ende 2018 Geschäftsführer für Technik und Produktion bei der Paul Horn GmbH in Tübingen. Mit seiner langjährigen Branchenkenntnis und umfassenden Fachkompetenz zählt er zu den erfahrensten Führungspersönlichkeiten der Werkzeugindustrie. Diese breite Erfahrung prägt bis heute seinen Führungsstil und seinen Blick auf technische sowie organisatorische Zusammenhänge. Als er im Alter von 49 Jahren erstmals mit der Familie Horn in Kontakt kam, war für ihn schnell klar, dass sich hier eine besondere Chance eröffnete. Die Firma Horn war ihm seit vielen Jahren als außergewöhnliches Unternehmen bekannt. Schon lange faszinierte ihn die Frage, warum Horn erfolgreicher ist als viele andere Werkzeughersteller – und sich damit weltweit einen Namen gemacht hat. Heute ist er stolz, Teil des Familienunternehmens zu sein. Für ihn verkörpert Horn einen Gegenentwurf zu vielen Entwicklungen der Branche. Während andere Unternehmen häufig kurzfristigen Trends folgen, setzt Horn auf langfristiges Denken, unternehmerischen Mut, Leidenschaft und die Bereitschaft, kontinuierlich in Innovation und Zukunft zu investieren. Gerade die inhabergeführte Struktur ermöglicht Entscheidungen, die in vielen anderen Unternehmen kaum denkbar wären.

Sein täglicher Antrieb ist die Frage, wie Horn noch besser werden kann. Kontinuierliche Verbesserung, technologische Exzellenz und die Weiterentwicklung des Unternehmens stehen dabei im Mittelpunkt seines Handelns.

Auch privat ist Familie für ihn von großer Bedeutung. Der 56-Jährige ist Vater von drei inzwischen erwachsenen Kindern und freut sich mittlerweile über seine Rolle als Großvater. Erfolg definiert er nicht allein über wirtschaftliche Kennzahlen, sondern gemeinsam mit einem engagierten Team die Zukunft eines Unternehmens aktiv gestalten zu können, zufriedene Mitarbeiter zu erleben und dabei auch persönliche Zufriedenheit zu finden.

Erholung findet er vor allem dort, wo er sich zurückziehen kann und nur wenige Menschen um ihn sind. Dass er seinen beruflichen Weg mit voller Leidenschaft gehen konnte, schreibt er nicht zuletzt seiner Frau zu, die ihn über all die Jahre mit großem Verständnis und Rückhalt begleitet hat.

Gibt es im Markt für Präzisionswerkzeuge aus Ihrer Sicht überhaupt noch klassische Wachstumsmärkte – oder verlagert sich Wachstum heute stärker in Nischen, Anwendungen und technologische Spezialisierung?

Markus Horn: Das hängt davon ab, wie man die Zahlen betrachtet. Wenn man sich beispielsweise die VDMA-Statistiken anschaut, sieht man bei den deutschen Präzisionswerkzeugherstellern seit 2018 einen leicht rückläufigen Umsatz. Rechnet man die Werte jedoch preisbereinigt, zeigt sich, dass der Rückgang bereits seit 2019 real deutlicher ausgeprägt ist. Gleichzeitig beobachten wir im Ausland ein moderates Wachstum. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Produktionskapazitäten zunehmend aus Deutschland in internationale Märkte verlagert werden. Für uns bedeutet das vor allem eines: Wir müssen schneller, besser und technologisch führend sein – bei gleichbleibend höchster Qualität und mit Offenheit für jede technische Herausforderung. Unsere Haltung lässt sich dabei gut mit „Passion for Technology“ und „Never give up“ beschreiben. Inhaltlich sehen wir uns klar in den Kernprozessen Drehen, Fräsen und Bohren verankert – allerdings hoch spezialisiert, anwendungsorientiert und mit einem starken Fokus auf wertschöpfende, komplexe Lösungen.

In den Medien ist häufig vom Fachkräftemangel die Rede. Wie ausgeprägt ist dieses Problem derzeit in Ihrer Branche tatsächlich – und hat sich die Situation in den letzten Jahren verändert?

Markus Horn: Wenn man sich die Zahlen des VDMA anschaut, sieht man im Maschinenbau insgesamt einen deutlichen Rückgang der Beschäftigtenzahlen. Aktuell sind dort weniger Menschen tätig als noch zu Zeiten der Corona-Pandemie – und eine klare Trendumkehr ist bislang nicht erkennbar. Parallel dazu hört man in den Nachrichten eher von Standortschließungen als von neuen Eröffnungen. Jüngste Beispiele zeigen, dass auch große Unternehmen ihre Strukturen anpassen und Arbeitsplätze abbauen. Vor diesem Hintergrund relativiert sich das viel diskutierte Thema Fachkräftemangel zumindest teilweise. Global betrachtet sehen wir in den kommenden Jahren eher eine Verschiebung als einen generellen Mangel an Arbeitskräften. Für uns selbst hat sich diese Problematik bislang nur begrenzt gezeigt. Als regional verwurzeltes Unternehmen mit einem guten Ruf als Arbeitgeber profitieren wir davon, dass wir als sogenannter Hidden Champion wahrgenommen werden und langfristige Arbeitsverhältnisse anbieten können. Ein zentraler Baustein ist dabei unsere konsequente Aus- und Weiterbildung. Aktuell beschäftigen wir rund 70 Auszubildende, überwiegend in der Produktion. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie viel industrielle Wertschöpfung die Gesellschaft künftig noch in Deutschland halten möchte und ob dafür auch die Bereitschaft besteht, in der Produktion zu arbeiten – gegebenenfalls im Schichtbetrieb. Diese Diskussion wird sich in den kommenden Jahren weiter zuspitzen. Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz auch akademische Berufsbilder deutlich, was zu einer weiteren Verschiebung in der Arbeitswelt führen wird. Es bleibt spannend, wohin die Reise geht.

Horn gilt als eines der erfolgreichsten Unternehmen der Branche. Welche Phasen in der Unternehmensgeschichte waren trotz des insgesamt positiven Verlaufs besonders herausfordernd?

Markus Horn: Krisen hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegeben – die Finanz- und Bankenkrise 2008/2009, die Covid-19-Pandemie, die seit etwa 2018 spürbare Schwäche im Automotive-Sektor sowie zuletzt stark gestiegene Energiekosten, geopolitische Konflikte wie der Ukrainekrieg und aktuelle Unsicherheiten durch Handels- und Zollbeschränkungen. In der Regel sind wir aus diesen Phasen gestärkt hervorgegangen. Gleichzeitig muss man sagen, dass die derzeitige Situation im Automobilbereich viele dieser bisherigen Entwicklungen überlagert. Dieser Sektor hat für die Präzisionswerkzeugindustrie nach wie vor eine herausragende Bedeutung – und er lässt sich durch andere Branchen nur bedingt ersetzen. Weder die Verteidigungsindustrie noch die Optik oder andere Nischenmärkte erreichen vergleichbare Volumina wie der klassische Automotive-Bereich, insbesondere in seiner bisherigen Struktur rund um den Verbrennungsmotor. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass das Wachstum in Deutschland insgesamt stark zurückgehen wird. Für uns bedeutet das, dass wir unsere Aktivitäten stärker diversifizieren und uns verstärkt auf internationale Märkte und alternative Industriezweige fokussieren müssen, um langfristig stabil und erfolgreich zu bleiben.

Ist die Luftfahrt für Sie ein relevantes Anwendungsfeld – und wie entwickelt sich dieser Markt aus Ihrer Sicht?

Matthias Rommel: In der ersten Ausgabe 2026 unseres Kndenmagazins  „world of tools“ ist beispielsweise ein interessanter Artikel über das Triebwerk der Ariane-Rakete erschienen, bei deren Fertigung auch unsere Werkzeuge zum Einsatz kommen. In der Aerospace-Industrie sind wir insgesamt mit verschiedenen Anwendungen vertreten, insbesondere im PKD-Bereich. Darüber hinaus kommen HORN-Lösungen auch in weiteren anspruchsvollen Branchen zum Einsatz – etwa in der Schmuck- und Uhrenindustrie sowie in der Medizintechnik. Auch in klassischen Industriebereichen spielen unsere Werkzeuge eine wichtige Rolle, beispielsweise bei der Herstellung von Gewindemuffen für Pipelines und Raffinerien, ebenso wie in Anwendungen rund um Windkraftanlagen oder Kompressoren für Wärmepumpen. Diese Vielfalt zeigt: Unsere Werkzeuge sind in zahlreichen hochspezialisierten Industrien weltweit im Einsatz.

Wenn man die Vielzahl an Einsatzbereichen betrachtet: Welche Branchen oder Anwendungen bieten aus Ihrer Sicht derzeit die größten Wachstumschancen für Horn?

Markus Horn: Ursprünglich kommen wir aus dem Drehen – und viele Kunden verbinden uns bis heute vor allem mit diesem Bereich. Inzwischen hat sich unser Portfolio jedoch deutlich erweitert. Heute decken wir ein sehr breites Spektrum ab: Vom Fräsen, Bohren und Reiben bis hin zur Verzahnungstechnik sowie zu CBN- und Diamantwerkzeugen. In der Wahrnehmung sind wir sicherlich noch immer stark drehorientiert, tatsächlich spielen die anderen Technologien aber längst eine ebenso wichtige Rolle in unserem Angebot. Wir arbeiten kontinuierlich daran, unser Portfolio weiterzuentwickeln und die nächste technologische Stufe zu erreichen. Besonders viel Marktresonanz sehen wir derzeit in den Bereichen Verzahnungstechnik und PKD-Werkzeuge. Genau dort verzeichnen wir auch ein überdurchschnittliches Wachstum, weil diese Anwendungen stark von Effizienz, Präzision und steigenden Anforderungen in der Fertigung getrieben sind. Neu im Bereich MKD ist unser erweitertes Portfolio mit spezialisierten Werkzeugen für die Ringbearbeitung. Zusätzlich haben wir bei den PKD-Werkzeugen unsere Produktpalette deutlich ausgebaut und die Variantenvielfalt erweitert. Unsere Neuheiten präsentieren wir auf der AMB.

Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für Horn?

Matthias Rommel: Wir sind auf den globalen Markt angewiesen, sehen uns derzeit jedoch mit gestörten Weltmärkten konfrontiert. Dadurch entsteht teilweise das Gefühl, stärker auf die westlichen Märkte begrenzt zu sein – das ist schmerzhaft. Gleichzeitig verfügen wir über erstklassige Produkte, investieren konsequent in das Know-how unserer Mitarbeiter und den direkten Kundenkontakt. Wir professionalisieren unsere Bearbeitungsprozesse kontinuierlich und haben uns als Weltmarktführer positioniert. Dennoch passen die aktuellen Rahmenbedingungen nur bedingt, und der Wettbewerb hat sich deutlich verschärft. Flexibilität wird deshalb für uns immer wichtiger.

Was zeichnet den Standort Tübingen aus Ihrer Sicht besonders aus?

Markus Horn: Tübingen ist für uns der zentrale Technologiestandort in Deutschland. Die Region profitiert nach wie vor von einem starken Bildungs- und Hochschulsystem, das hervorragend ausgebildete Fachkräfte hervorbringt. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen leider gerade tendenziell verschlechtern, bietet der Standort weiterhin sehr gute Voraussetzungen für Innovation und Wissensvermittlung. Besonders schätzen wir die hohe Kompetenz unserer Mitarbeiter. Viele von ihnen verkörpern den typischen schwäbischen Tüftlergeist: Den Anspruch, bestehende Lösungen kontinuierlich zu hinterfragen und immer noch ein Stück besser zu machen. Diese Mentalität prägt unsere Unternehmenskultur und trägt wesentlich zu unserer Innovationskraft bei.

Viele Unternehmen sehen den Standort Deutschland inzwischen kritisch und sprechen von zunehmenden Wettbewerbsnachteilen. Teilen Sie diese Einschätzung, oder überwiegen für Sie nach wie vor die Vorteile?

Markus Horn: Vor wenigen Jahren waren die politischen Rahmenbedingungen verlässlicher und daher vieles besser planbar. Insgesamt waren die Bedingungen für Unternehmen wirtschaftsfreundlicher. Noch profitieren wir weiterhin von gut ausgebildeten Fachkräften, hoher technischer Kompetenz und einer starken industriellen Reputation. Deutschland ist für uns noch kein Standortnachteil, aber die Gefahr besteht, wenn die Rahmenbedingungen nicht verbessert werden. Gerade im Maschinenbau, bei Präzisionstechnologien und industriellen Lösungen gehören wir weiterhin zur Weltspitze. Europa kann nach wie vor komplexe technische Herausforderungen lösen. Aber: Verzicht und Einschränkungen werden unseren Wirtschaftsstandort nicht retten.

Welche Rahmenbedingungen würden Sie sich wünschen?

Matthias Rommel: Was Unternehmen heute vor allem brauchen, sind klare Ziele, Verlässlichkeit und Planbarkeit. Der ständige politische Richtungsstreit führt dazu, dass viele Investitionen aufgeschoben werden, weil niemand weiß, welche Rahmenbedingungen morgen gelten. Es fehlt eine langfristige Vision, an der sich Unternehmen orientieren können. Aus meiner Sicht sollte die Politik stärker Ziele definieren aber dabei weniger konkrete Technologien vorschreiben oder detaillierte Vorgaben machen. Wenn das Ziel beispielsweise die Reduzierung von CO₂-Emissionen ist, sollte der Markt die Freiheit haben, unterschiedliche Lösungen zu entwickeln. Das können Elektromobilität, effizientere Verbrennungsmotoren, Wasserstoff oder auch E-Fuels sein. Kritisch sehe ich den Versuch, einzelne Technologien durch umfangreiche staatliche Subventionen oder regulatorische Vorgaben künstlich durchzusetzen. Die Entwicklungen etwa bei der Elektromobilität oder im Heizungsbereich zeigen, dass sich auf diese Weise nur selten langfristig stabile und nachhaltige Lösungen erzwingen lassen. Deutschland war immer dann besonders erfolgreich, wenn Ingenieurskunst, Innovationskraft und technologischer Wettbewerb gefördert wurden. Dafür braucht es mehr unternehmerische Freiheit, weniger Regulierung und einen klaren politischen Rahmen. So entstehen die besten Lösungen – wirtschaftlich, technologisch und gesellschaftlich.

Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Anforderungen und Entwicklungen werden den Markt aus Ihrer Sicht am stärksten prägen?

Markus Horn: Konkrete Entwicklungen lassen sich nur schwer vorhersagen. Deshalb beobachten wir den Markt sehr genau und schauen bewusst über den Tellerrand. Unser Ziel bleibt, unser Produktportfolio kontinuierlich auszubauen, unsere internationale Präsenz zu stärken und neue Märkte zu erschließen. Ein klarer Trend ist seit Jahren unverändert: Unsere Kunden erwarten höhere Wirtschaftlichkeit, mehr Präzision bei höchster Qualität. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach individuellen Lösungen. Die Losgrößen werden kleiner, die Anforderungen spezifischer und die Anwendungen technischer. Standardprodukte allein reichen oft nicht mehr aus – gefragt sind maßgeschneiderte, hochpräzise Lösungen für den jeweiligen Anwendungsfall. Dieser Trend spielt uns in die Karten – denn genau darin liegen seit jeher unsere Stärken.

Firmeninformation

Geschäftsführer: Markus Horn
  Matthias Rommel
Gegründet: 1. November 1969
Produktportfolio: Hochpräzise Werkzeuge und Zubehör zum Einstechen, Axialeinstechen, Formeinstechen, Abstechen, Bearbeiten von Bohrungen, Nutstoßen, Wälzschälen, Verzahnen, Glanzdrehen, Gewindedrehen, Bearbeiten von Rohren und Muffen, Nut-, Schlitz-, Trennfräsen, Gewindefräsen, Mehrkantschlagen, Gewindewirbeln, Hochglanzfräsen, Ausspindeln, Planfräsen, Eckfräsen, Profilfräsen, Drehfräsen, Reiben und Bohren.
  Hochpräzise Werkzeuge u. a. für die Bearbeitung von Aluminium und bleifreien Werkstoffen.
  Additive Fertigung/3D-Druckverfahren (Selective Laser Melting)
  • Rohlinge und Verschleißteile
Mitarbeiter: 960 in Deutschland
  1500 weltweit
Jahresumsatz: ~ 305 Mio. €
  ~ 205 Mio. € in Deutschland