Ingersoll setzt auf Full-Line-Kompetenz als Schlüssel für die Zukunft
Die Anforderungen an Zerspanungswerkzeuge verändern sich rasant: Steigende Produktivitätsziele, neue Werkstoffe, zunehmender Kostendruck und der Wunsch nach ganzheitlichen Lösungen prägen den Markt. In diesem Umfeld positioniert sich die Ingersoll Werkzeuge GmbH konsequent als strategischer Full-Line-Supplier, der weit über die reine Werkzeuglieferung hinausdenkt.
Mit Hauptsitz in Haiger und Standorten wie Vaihingen verbindet Ingersoll industrielle Fertigungstiefe mit anwendungsnaher Entwicklung. Ein wesentlicher Zukunftsfaktor ist dabei die eigene PKD-Produktion im Haus – ein Kompetenzfeld, das nur noch wenige Hersteller selbst abdecken und das Ingersoll eine hohe Unabhängigkeit, Geschwindigkeit und Flexibilität in der Projektarbeit ermöglicht. Kunden werden sowohl bei komplexen Projektanwendungen als auch im Bereich der Standardwerkzeuge ganzheitlich betreut.
Seit 2025 steht Jörg Lettermann als Geschäftsführer an der Spitze des Unternehmens. Im Interview spricht er über die strategische Ausrichtung von Ingersoll, die Bedeutung vertikaler Integration, sowie darüber, wie sich das Unternehmen für die technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahre aufstellt.
DIAMOND BUSINESS: Herr Lettermann, Ingersoll gehört seit Jahrzehnten zu den festen Größen in der deutschen und internationalen Zerspanungsindustrie. In den vergangenen Jahren haben Sie den Schwerpunkt stärker auf das PKD-Geschäft gelegt. Welche Chancen sehen Sie darin für die Weiterentwicklung des Unternehmens?
Jörg Lettermann: Die Nachfrage wächst kontinuierlich, und wir sind längst noch nicht am Ziel. Besonders spannend ist die Entwicklung neuer Werkstückstoffe am Markt – immer mehr Aluminium, NE-Metalle, Kunststoffe und Faserverbundwerkstoffe. Für diese Werkstückstoffe ist die effiziente Zerspanung entscheidend. Wir kommen ursprünglich aus dem Maschinenbau und haben über unsere selbst entwickelten Maschinen jahrzehntelang OEM-Kunden betreut. Das heißt: Wir haben die Werkzeuge gebaut, die Maschinen ausgestattet und die komplette Serienreife der Bauteile begleitet. Dieses umfassende Know-how im Projektgeschäft haben wir nun seit einigen Jahren mit Erfolg gezielt auf den PKD-Bereich ausgeweitet. Damit können wir unsere Kunden heute auch bei NE-Metallen und Verbundwerkstoffen mit Hochleistungs-PKD-Werkzeugen unterstützen – ein Segment, das vorher nicht zu unserem Portfolio gehörte und für das wir jetzt ein ganzheitliches Angebot bieten.
Analytisch, motivierend, praxisnah:
Jörg Lettermann an der Spitze von Ingersoll
Jörg Lettermann ist seit dem 1. März 2025 Geschäftsführer der Ingersoll GmbH. Seine Karriere begann 1987 mit einer Ausbildung zum Formenbauer, gefolgt von einer Weiterbildung zum Techniker und vier Jahren im CAD/CAM-Bereich, bevor er Ende 1998 zu Ingersoll wechselte. Dort startete er als Anwendungstechniker, war später Leiter des Produktmanagements und des Exports. Seit 2008 verantwortete er den gesamten Vertrieb, bevor er im letzten Jahr in die Geschäftsführung aufstieg. Sein beruflicher Werdegang ist geprägt von tiefem Fachwissen und analytischem Denken. Lettermann bringt Ideen und Impulse in das Unternehmen ein und legt großen Wert auf den direkten, wertschätzenden Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Sein Anspruch ist es stets, „Erster“ zu sein, dabei motiviert und gut gelaunt zu bleiben – und andere für gemeinsame Ziele zu begeistern. Für den 54-jährigen war es ein großer Vorteil, den Beruf „von der Pike auf“ zu erlernen: Der Einstieg über eine fundierte Ausbildung zum Stahlformenbauer prägt seine praxisnahe Herangehensweise und das Verständnis für komplexe Prozesse. Herausforderungen wie politische Rahmenbedingungen, steigende Zölle oder Ressourcenverknappungen sieht er äußert kritisch, bleibt jedoch immer lösungsorientiert. Seine Akkus lädt der zweifache Familienvater beim Sport auf, vom Schwimmen, übers Rad- und Skifahren bis zu weiteren Outdoor-Aktivitäten. So kann er souverän und mit frischem Elan an jede neue Herausforderung herangehen.
Welchen Einfluss hat die zunehmende Elektromobilität auf die Nachfrage und den Einsatz von PKD-Werkzeugen bei Ingersoll?
Die Elektromobilität spielt sicherlich eine Rolle, aber wir sehen ähnliche Chancen auch in ganz anderen Märkten. Bei vielen unserer Kunden waren wir bereits in verschiedenen Bereichen aktiv, konnten zuvor jedoch keine Werkzeuge für die Bearbeitung von NE-Metallen anbieten – etwas, das wir nun mit PKD-Werkzeugen hervorragend abdecken können.
Es gibt zahlreiche Nischen für PKD-Werkzeuge, deren Potenzial viele Kunden noch nicht vollständig erkannt haben. Mit diesen Werkzeugen lassen sich beispielsweise Taktzeiten deutlich reduzieren – selbst bei vergleichsweise kleinen Stückzahlen. Es geht nicht immer um Serienzahlen wie im klassischen Automobilbereich; schon Aufträge unter 5.000 Einheiten können sich wirtschaftlich lohnen.
Oft wird beispielsweise auch das Thema Gratfreiheit unterschätzt, dabei lässt sich PKD hier sehr effizient einsetzen, um hochwertige Oberflächen und präzise Ergebnisse zu erzielen. Natürlich sind PKD-Werkzeuge mit höheren Investitionskosten verbunden, aber diese amortisieren sich in der Regel sehr schnell durch die gesteigerte Effizienz. Entscheidend ist, dass der Vertrieb vor Ort das Potenzial erkennt und gezielt aufzeigt. Daher legen wir großen Wert auf die kontinuierliche Schulung und Ausbildung unserer Vertriebsmitarbeiter.
Herr Lettermann, Ingersoll produziert mit über 480 Mitarbeitern sowohl in Haiger als auch in Vaihingen Zerspanungswerkzeuge. Einerseits bietet das große Vorteile in Sachen Flexibilität und Schnelligkeit – andererseits stellt die Fertigung in Deutschland sicher auch Herausforderungen dar. Wie gehen Sie damit um?
Ein wesentlicher Vorteil unserer Standorte ist, dass wir hier weitgehend vollautomatisiert produzieren. Damit unterscheiden wir uns deutlich von vielen anderen Herstellern, die noch stark auf manuelle Fertigung setzen – in dieser Hinsicht sind wir bereits einen Schritt weiter. Natürlich spielen nicht nur die Personalkosten eine Rolle. Auch der administrative Aufwand ist erheblich: Audits, Zertifizierungen, Qualitätsmanagement… – wir haben zum Beispiel dämnächst wieder einen TÜV-Termin. Solche Prozesse sind aufwendig, aber entscheidend für die Qualität, die wir liefern. Energie- und Betriebskosten sind ebenfalls ein Faktor, insgesamt aber vergleichsweise überschaubar. Entscheidend ist vielmehr, dass wir hochqualifizierte Mitarbeiter haben, die unsere Maschinen hocheffezient bedienen und Prozesse steuern können. In diese Qualität zu investieren, zahlt sich langfristig aus, weil sie die Basis für unsere Effizienz, Präzision und Flexibilität bildet.
Ingersoll lädt Kunden zu den sogenannten ‚InDays‘ ein, um Innovationen und Technik erlebbar zu machen. Wie zahlen sich diese Hausmessen für Sie und Ihre Kunden aus?
Zuletzt haben wir die InDays im Jahr 2023 durchgeführt. Dabei handelt es sich bewusst nicht um eine klassische Hausmesse, sondern um ein umfassendes Technologie- und Anwendungsevent. Unsere Kunden erleben dort das komplette Spektrum: Bis zu 23 Maschinen unterschiedlichster Hersteller liefen unter Span und deckten sämtliche Produktbereiche ab – von der Zulieferindustrie bis hin zur Automobilindustrie.
Neben der Zerspanung selbst stehen Themen wie Spannsysteme, Kühlschmierstoffe, Fertigungstechnologien und Programmierung im Fokus. Kurz gesagt: Der Kunde findet bei den InDays das gesamte Portfolio von A bis Z – bzw. die komplette Prozesskette selbstverständlich durchgängig bestückt mit Ingersoll-Werkzeugen.
Der logistische und organisatorische Aufwand ist entsprechend enorm. Bei der letzten Veranstaltung durften wir rund 4.500 Fachbesucher begrüßen. Ergänzt wird das Ganze durch ein äußerst attraktives Rahmenprogramm, weshalb ein jährlicher Turnus nicht realisierbar ist. Gerade diese Exklusivität wissen unsere Kunden sehr zu schätzen.
Die InDays erstrecken sich über vier Tage; die nächste Veranstaltung ist wieder für 2027 geplant. In diesem Jahr finden sie nicht statt, da wir im Herbst auf der AMB vertreten sind – ein zusätzlicher Kostenblock, der parallel nicht darstellbar wäre.
Wenn Sie beide Formate vergleichen – die InDays und internationale Leitmessen wie AMB oder EMO – welches überzeugt Sie rückblickend mehr und warum?
Wir sehen beide Formate nicht als Konkurrenz, sondern als klare Ergänzung mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Klassische Leitmessen wie die AMB oder die EMO bieten uns internationale Sichtbarkeit, Reichweite und die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen sowie Markt- und Technologietrends frühzeitig aufzunehmen. Dafür sind sie unverzichtbar.
Die InDays hingegen zielen deutlich stärker auf die inhaltliche Tiefe ein. Dort können wir unsere Werkzeuge, Technologien und Prozesskompetenz im realen Zerspanungsprozess demonstrieren – unter Serienbedingungen, auf unterschiedlichen Maschinen und über sämtliche Branchen hinweg. Der direkte Austausch, die intensive Beratung und die Qualität der Gespräche sind auf diesem Niveau auf externen Messen kaum darstellbar.
Wenn man rein den Mehrwert pro Besucher betrachtet, sind die InDays für uns klar das effizientere Format. Der Aufwand ist hoch, aber der Nutzen in Form von nachhaltigen Kundenbeziehungen, konkreten Projekten und technologischer Zusammenarbeit ist entsprechend groß.
Klassische Messen bleiben dennoch wichtig für die Marktpräsenz. Die größte Wirkung erzielen wir jedoch dort, wo wir Technologie nicht nur zeigen, sondern erlebbar machen können – und das ist bei unserer eigenen Hausmesse der Fall.
In welchen Technologien und Anwendungen spielt Ingersoll aus Ihrer Sicht seine größten Leistungsstärken aus?
Ohne arrogant zu sein kann ich behaupten, dass wir in allen Bereichen stark aufgestellt sind. Unsere Unternehmensgruppe bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, auch im CBN-Bereich. Natürlich gibt es Themen wie Aufnahmen, bei denen manche Anbieter stark spezialisiert sind. Dennoch ermöglicht uns unsere technische Kompetenz, in nahezu allen Bereichen vorne mitzuspielen und unseren Kunden erstklassige Lösungen anzubieten. Zudem agieren wir global und verfügen über Werke weltweit, was uns ermöglicht, Kunden überall direkt und kompetent zu betreuen.
Auf welche Weise begleitet Ingersoll seine Kunden entlang des gesamten Fertigungsprozesses, um maximale Effizienz und Ergebnisqualität zu gewährleisten?
Unser Vertriebsnetz zeichnet sich durch eine starke Präsenz an eigenen Mitarbeitern aus. Ergänzt wird es durch ausgewählte Handelsvertreter. Darüber hinaus nutzen wir gezielt Gruppensynergien: In unserer Unternehmensgruppe haben wir Händler übernommen, die nun zu rund 80% für die Gruppe arbeiten. Dieses Modell hat sich bereits in den USA erfolgreich bewährt.
Gerade im Präzisionswerkzeuggeschäft ist dies ein entscheidender Vorteil, denn ein einzelner Händler kann nicht gleichzeitig mehrere Unternehmen optimal betreuen. Deshalb legen wir großen Wert auf intensive Schulungen – sowohl für den Direktvertrieb als auch für unsere Partner. Allein im Januar haben wir wieder über 250 Teilnehmer in unserem Haus praxisnah geschult.
Unser Fokus liegt auf langfristigen Partnerschaften. Kontinuität ist hier enorm wichtig, insbesondere bei komplexen Produkten wie PKD-Werkzeugen. Um unseren Kunden den maximalen Nutzen zu bieten, müssen wir ihre Prozesse genau kennen, die „Sprache“ der jeweiligen Branche sprechen und gezielt auf unterschiedliche Anforderungen – sei es Automobilindustrie oder andere Bereiche – eingehen.

Standard PKD-Werkzeuge
Mit einem eigenen Technologiezentrum in Haiger und einem spezialisierten Team bietet Ingersoll ein einzigartiges Serviceangebot. Wie unterstützt dies konkret Ihre Kunden bei der Umsetzung ihrer Projekte?
In unserem Technologiezentrum in Haiger arbeiten inzwischen 12 Spezialisten ausschließlich an kundenspezifischen Lösungen. Kommt ein Kunde mit einem Bauteil zu uns, das optimiert werden soll, analysieren wir zunächst seine bisherigen Programme und eingesetzten Werkzeuge. Anschließend entwickeln wir Kombinationen, die Taktzeiten reduzieren und den größtmöglichen Nutzen für den Kunden erzielen – nicht nur durch das Werkzeug selbst, sondern durch unser gesammeltes Know-how aus über 1.000 bearbeiteten Bauteilen und Erfahrungswerten aus 15.000 Kundenprojekten.
Wir betrachten dabei den gesamten Fertigungsprozess: Welche Maschinen setzt der Kunde ein, welche Antriebsleistung steht zur Verfügung, welche Werkstückstoffe werden bearbeitet, welche Anwendungen laufen aktuell? Auf dieser Grundlage erstellen wir Testreports, prüfen verschiedene Bearbeitungskonzepte und identifizieren Einsparpotenziale – zum Beispiel, wenn durch die Optimierung von Stufenbohrern zwei oder drei Durchgänge eingespart werden können.
Ziel ist es, alle gesammelten Informationen systematisch zu bündeln: Welche Versuche wurden durchgeführt, unter welchen Bedingungen, wie wurden die Bauteile gespannt, auf welchen Maschinen? Viele dieser Fragestellungen wiederholen sich, und durch die strukturierte Auswertung können wir unseren Kunden Lösungen anbieten, die sowohl effizient als auch reproduzierbar sind. Dieses Vorgehen hat sich über viele Jahre bewährt und verschafft unseren Kunden klare Wettbewerbsvorteile.
Firmeninformation
| Geschäftsführer: | Jörg Lettermann |
| Gegründet: | 1887 in Rockford Illinios - Ingersoll Cutting Tools |
| 1961 in Deutschland - Ingersoll Werkzeuge GmbH | |
| Produktportfolio: | Präzisionswerkzeugen für die Industrie |
| Komplettanbieter für Standard- / Sonderwerkzeuge im Bereich Bohren-Drehen-Fräsen-Stechen, Wendeschneidplatte / Vollhartmetall Werkzeuge / PKD-CBN Wendeschneidplatten & Werkzeuge /Aufnahme Präzisionswerkzeugen für die Industrie | |
| Mitarbeiter: | 500 in Deutschland |
| 1200 weltweit | |
| Jahresumsatz: | ~ 120 Mio. Ingersoll Werkzeuge GmbH |
| Exportanteil: | ~ 40 % des Umsatzes der Ingersoll Werkzeuge GmbH |






